Miracle within a Miracle: Johannes Reuchlin and the Jewish Book Controversy


Johannes Reuchlin und der Streit um die jüdischen Bücher

Eine neue Wissenschaft: Christliche Hebraistik

Während das Drama der Juden in politischer Hinsicht seinem Ende entgegen zu gehen schien, öffnete sich an anderer Stelle die Bühne zu einem neuen Akt der christlich-jüdischen Beziehungen. Einige wenige christliche Gelehrte hatten begonnen, den Kontakt zu gebildeten Juden aufzunehmen, und sie taten dies aus Motiven, die bisher in den jüdisch-christlichen Beziehungen keine Rolle gespielt hatten. Diese Gelehrten näherten sich der hebräischen Sprache und der jüdischen Kultur auf der Suche nach neuen Grundlagen der Theologie und des Studiums der Bibel. Auf lange Sicht sollten sie recht behalten, denn durch den Kontakt mit dem Hebräischen erhielt die christliche Bibelphilologie in der Renaissance neue Impulse. Der Grund für das neuzeitliche Bibelstudium wurde hier gelegt. Begonnen hatte dies bereits um 1480, als die Wiederbesinnung auf die Kultur der Antike, wie sie die Renaissance gefordert hatte ("Zurück zu den Quellen"), auch die Theologie erfasste. Wer die neuen Methoden der Bibelforschung ernst nahm, musste bis zur hebräischen Bibel zurückgehen, und dieser neue Zugang zur Heiligen Schrift war bald auch Anstoß und Stütze der protestantischen Reformbewegungen. Obwohl das Judentum weiterhin abgelehnt wurde, hatte diese Entwicklung immerhin zur Folge, dass Christen anerkannten, dass die jüdische Tradition auch für sie von Bedeutung war. Und so begannen einige Christen – zum ersten Mal in der Geschichte – sich mit Begeisterung dem Studium des Judentums und des Hebräischen zu widmen.

Item 2.2, Reuchlin's Rudiments of Hebrew
Objekt II.2, 556-557. Reuchlin dekliniert nach lateinischem Vorbild ein hebräisches Substantiv; aus seinem Lehrbuch De rudimentis hebraicis, 1506. Im Besitz der University of Illinois.
zur Ausstellung

Im Jahr 1506, das zu einer Art Wasserscheide in der Geschichte der christlichen Theologie wurde, hatte Johannes Reuchlin von führenden jüdischen Gelehrten so viel gelernt, dass er die erste hebräische Grammatik und das erste hebräisch-lateinische Wörterbuch für Christen veröffentlichen konnte: De rudimentis hebraicis. Niemand geringerer als der Historiker Gershom Scholem beschrieb Reuchlin als den „ersten Erforscher des Judentums, seiner Sprache und seiner Welt, und speziell der Kabbala … der Mann, der vor fast fünfhundert Jahren die Wissenschaft vom Judentum ins Leben gerufen hat.“3

Reuchlins Grammatik war der erste Schritt einer sich zusehends beschleunigenden Entwicklung. In den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts förderten Gelehrte in den führenden Zentren der humanistischen Kultur – Florenz, Venedig und vor allem Rom – das Studium des Hebräischen, weil sie daran große Hoffnungen auf eine Erneuerung des Christentums knüpften. Mit Beginn der Reformation wendeten auch die Protestanten sich der hebräischen Philologie zu. Ab 1530 war das Studium des Hebräischen an den Universitäten Westeuropas dann fest etabliert.


3. Gershom Scholem, Die Erforschung der Kabbala von Reuchlin bis zur Gegenwart (Pforzheim: Im Selbstverlag der Stadt, 1969), 7.