Johannes Reuchlin und der Streit um die jüdischen Bücher

Augenspiegel

Im Augenspiegel stützte sich Reuchlin weitestgehend auf das römische Zivilrecht, insbesondere auf dessen Aussage, Juden, die im Reichsgebiet lebten, seien nicht als Unfreie (Sklaven) zu betrachten, sondern als Mitbürger („concives“): „wir vnd sie ains ainigen römischen reichs mitburger synd.“6 Selbst wenn Reuchlin damit nicht behauptete, Christen und Juden besäßen die gleichen Rechte, so bedeutete diese Feststellung doch, dass Juden durch ihr Bürgerrecht vor staatlicher Beschlagnahmung ihres Eigentums geschützt seien.7

Mit seinem „Mitbürger”-Argument entfachte Reuchlin einen Sturm der Entrüstung. Einige theologische Autoritäten, nicht zuletzt der berühmte Duns Scotus, hatten behauptet, Juden gehörten zur Kategorie der Sklaven und entbehrten darum grundlegender Bürgerrechte. Der Jurist Ulrich Zasius, einer der einflussreichsten deutschen Rechtsgelehrten des beginnenden sechzehnten Jahrhunderts, hatte in einem berühmten Fall argumentiert, dass die Zwangstaufe von Kindern jüdischer Eltern rechtlich zugelassen sei. Nicht nur im Augenspiegel, auch in anderen Schriften trat Reuchlin der Zwangstaufe entschieden entgegen.

Reuchlin's Eye Glasses
Objekt V.1, B1r. Der Anfang von Reuchlins „Ratschlag, ob man den Juden alle ire Bücher nemmen/ abthun vnnd verbrennen soll“; aus: Augenspiegel. Im Besitz der Klau Library, HUC-JIR (Cincinnati).
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Auch hier sollte man beachten, dass sich Reuchlin in letzter Instanz auf die Statuten des Kirchenrechts bezog. Reuchlin berief sich vor allem auf die Bulle Sicut Judeis aus den Decretalen von Papst Gregor IX.: “Darumb ist vns gebotten inn den gaistlichen rechten. c. sicut iude. extra de iu. Das wir den iuden das ir nit sollen nemen/ es sei gelt oder gelts werdt.“8 Tatsächlich hatte das mittelalterliche Kirchenrecht den Juden ein Grundrecht auf Eigentum nicht abgesprochen. Dieses Recht war niedergelegt in der Bulle Sicut Judeis, die zum ersten Mal um 1120 von Papst Calixt II. erlassen wurde, die aber auf Weisungen zurückging, die Papst Gregor der Große (590-604) formuliert hatte. Als Reuchlin 1510 seinen „Ratschlag” niederschrieb, hatte er Hoogstraetens Gutachten noch nicht gelesen, und kannte also auch dessen Absicht noch nicht, im Reich Inquisitionsgerichte gegen jüdische Bücher einzuberufen. Er verfolgte, wie er selbst schrieb, allein die Absicht, Kaiser Maximilian vor ungesetzlichen und zerstörerischen Fehlgriffen zu bewahren, nicht die Kirche. Doch Reuchlin musste auch zu diesem Zeitpunkt schon erkannt haben, dass die Kampagne gegen die Juden auf Prozesse nach dem Kirchenrecht hinauslaufen könnte. Die Fragen, die Maximilian in seinem Füssener Mandat stellte – ob die Zerstörung der jüdischen Bücher dem Christentum von Vorteil sein werde – ließen vermuten, dass es in letzter Instanz um kirchenrechtliche Fragen gehen würde. Reuchlins Gutachten, obwohl an den Kaiser gerichtet, klingt an vielen Stellen bereits wie eine vorweggenommene Verteidigung gegen die zu erwartenden Anklagen der Inquisition.

Selbst wenn den Juden nach dem zivilen und dem kirchlichen Recht zustand, Bücher religiösen Inhalts zu besitzen, konnten diese vom Staat beschlagnahmt und verbrannt werden, wenn sie ketzerisch, gotteslästerlich oder beleidigend waren. Reuchlin betrachtete dies als die schwerwiegendste rechtliche Frage, deren Beantwortung seiner Auffassung nach eine Untersuchung der Beweisstücke selbst verlangte – also der jüdischen Bücher.

Und so war es denn auch Reuchlins Gutachten zu den jüdischen Büchern, das sich schließlich als der entscheidende Schlag gegen die Büchervernichtung erwies. Reuchlins Hochschätzung der jüdischen Schriften wurde zum Hauptgrund dafür, dass ihn die verschiedenen Institutionen derart wütend und entschieden angriffen. In seinem "Ratschlag" verfasste Reuchlin einen konzisen, dennoch aber grundlegenden Überblick über die jüdischen Schriften, um dann auf dieser Basis ein letztes, eindeutiges Urteil zu fällen: Mit zwei Ausnahmen, die sowieso von den Juden selber unterschlagen werden, fände sich in den jüdischen Büchern weder Gotteslästerung noch Ketzerei.


6. Johannes Reuchlin, Augenspiegel (1511), in Reuchlin, Sämtliche Werke, hg. von Widu-Wolfgang Ehlers, Hans-Gert Roloff und Peter Schäfer (Stuttgart-Bad Cannstadt: Frohmann-Holzboog, 1996ff.), 4/1:35, ll. 5-6.

7. Reuchlin, ebd., in Sämtliche Werke 4/1:28, ll. 7-8.

8. Reuchlin, ebd., in Sämtliche Werke 4/1:62, ll. 13-15.