Johannes Reuchlin und der Streit um die jüdischen Bücher

Streit um die jüdischen Bücher

Im Europa zur Zeit des Mittelalters und der frühen Neuzeit waren die Welt der Gelehrten und die der antijüdischen Agitation nicht wirklich getrennt. Schon bald nach Veröffentlichung seiner hebräischen Grammatik, am 23. Mai 1510, als Kaiser Maximilian mit einem neuen Mandat ein Moratorium in der Konfiskation jüdischer Bücher anordnete, fand sich Reuchlin, der Vater der christlichen Hebraistik, im Zentrum eines antijüdischen Malstroms. Die erste Unterbrechung der Konfiskationen erfolgte noch unabhängig von Reuchlins Interventionen. Sie war das Ergebnis harter Verhandlungen zwischen dem Kaiser, dem Erzbischof von Mainz, dem Rat der Stadt Frankfurt und der dortigen jüdischen Gemeinde.4 Als Vorspiel zur Wiederaufnahme der Konfiszierungen erließ der Kaiser am 6. Juli 1510 ein weiteres Mandat, in dem er vier Universitäten und drei Gelehrte beauftragte, die Konfiskationen juristisch und theologisch zu begutachten. Wie zu erwarten, begrüßten die Gutachter, teilweise begeistert, die neue Politik. Nur Reuchlin reichte, zum Erstaunen aller Parteien, am 6. Oktober 1510 ein Gutachten ein, in dem er gegen die Konfiskation Stellung nahm. Diese sei, darauf verwies Reuchlin mit Nachdruck, weder mit dem Reichsgesetz zu vereinbaren, noch mit religiösen oder theologischen Gründen zu rechtfertigen. Seinen Widerspruch begründete er in einem sorgfältig ausgearbeiteten juristischen Gutachten, das er dem Kaiser im Oktober 1510 zusandte und – eine ungeheuerliche Provokation – 1511 als Hauptteil seiner Schrift Augenspiegel veröffentlichte. Reuchlins „Ratschlag“ stand allein gegen die anderen Gutachten. Reuchlin argumentierte aber so überzeugend, dass er die Vertreter der neuen, äußerst bedrohlichen Verfolgungsstrategie in Begründungsnöte versetzte. So weit bekannt, wurden alle Bücher ihren jüdischen Besitzern zurückerstattet. Trotz entschiedener Bemühungen der antijüdischen Partei wurde die Strategie, das Judentum durch Konfiskationen der Bücher zu schwächen, nicht wieder aufgenommen.

Pfefferkorn's Magnifying Glass
Objekt III.3, Titelseite von Johannes Pfefferkorns Handt Spiegel (1511). Im Besitz der Klau Library, HUC-JIR (Cincinnati).
zur Ausstellung

Das Erscheinen des Augenspiegels stürzte das christliche Europa in eine heftige Auseinandersetzung. Die Schärfe der Debatte entsprang den energischen Anstrengungen, Reuchlins Einwände zu widerlegen und den Feldzug gegen die jüdische Kultur mit kaiserlicher Erlaubnis erneut eröffnen zu können. Reuchlins "Ratschlag" war vertraulich, doch dem Mainzer Erzbischof, dem Ketzermeister Hoogstraeten und Pfefferkorn zugänglich. Beim Empfang des Gutachtens war allen Beteiligten klar, dass Reuchlins Stellungnahme ein gewichtiges Hindernis für die Wiederaufnahme der Enteignungen darstellen würde. Das lag zum einen am Gewicht der Person Reuchlins, zum anderen an der Gründlichkeit der Analyse. Der Erzbischof traf sofort Maßnahmen mit dem Ziel, Reuchlins Gutachten zu unterminieren. Als erstes berief er eine Kommission unter der Leitung des prominenten Karthäusers Gregor Reisch ein, die Reuchlins Ansichten als „skandalös“ bezeichnete. Auch Johannes Pfefferkorn griff zu seinen Waffen, nämlich zu Feder und Papier, und versuchte mit seinem auf der Frankfurter Frühlingsmesse 1511 erschienenen Pamphlet Handt Spiegel Reuchlins juristische Argumentation zu widerlegen. Wie auf dem Titelblatt angekündigt, richtete sich die Schrift sowohl „wider und gegen die Jüden“ als auch gegen „etliche Christen“, die sich für die Juden einsetzten. Mit diesem Handt Spiegel begann die eigentliche Reuchlin-Affäre, denn erst nach dem Erscheinen dieses Pamphlets entschloss sich Reuchlin, seine Verteidigung der jüdischen Schriften als Buch zu veröffentlichen.

In einer Vorwegnahme der späteren Anklagen der Inquisition griff Pfefferkorn die Argumentation Reuchlins mit einem beeindruckenden Apparat von juristischen und kirchlichen Autoritäten an. Seine giftige Polemik zielte allerdings nicht allein auf Reuchlin, denn, so schrieb er 1512: „Ich hab das genant püechlein [d.h. den Handt Spiegel] nit wider yn/ sonder wyder die juden vßgeen lossen."5 In dieser neuen Hetzschrift gegen das Judentum stellte Pfefferkorn die zeitgenössischen Juden nicht nur als Gottesverleumder und Ketzer hin, sondern auch als Todfeinde der Christen. Bedrohlich war zudem, dass Pfefferkorn das Gespenst der Hostienschändung heraufbeschwor. Insgesamt vier jüngere Fälle zählt die Hetzschrift auf, dazu den neuesten Fall eines angeblichen Hostienfrevels in Berlin, der 1510 zur Hinrichtung von achtunddreißig Juden und zur Verbannung aller Juden aus Brandenburg geführt hatte. Dass Pfefferkorn sogar diese eklatanten Fehlurteile verteidigt, ist ungewöhnlich. Kein anderer prominenter Konvertit hat seine ehemaligen Glaubensbrüder mit so offensichtlich falschen – und tödlichen – Beschuldigungen verleumdet. Vielerorts waren sich die Obrigkeiten bewusst, dass solche Hexenjagden ungesetzlich waren. Immer wieder hatten Päpste und Kaiser die Verfolgung solcher Fälle verboten. Jetzt aber, d.h. etwa ab 1490, begann Kaiser Maximilian, einzelne Vertreibungen (wie z. B. aus der Steiermark und aus Kärnten) mit Hostienschändung und Ritualmord zu begründen. Die Brandenburger Urteile wurden allerdings 1539 aufgehoben und die Juden erhielten ihr Ansiedlungsrecht zurück. Pfefferkorn störte sich an solchen Geschichten nicht. Ihm kam es darauf an, seine Behauptung, Juden seien gefährliche und bösartige Feinde der Christenheit, so dramatisch wie möglich in Szene zu setzen.

Pfefferkorn's Confession of the Jews
Objekt I.3, B2r. Holzschnitt aus Johannes Pfefferkorns Judenbeicht (1508) mit der Darstellung jüdischer Bußrituale. Im Besitz der Klau Library, HUC-JIR (Cincinnati).
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Pfefferkorn kannte nur das eine Ziel, die Beschlagnahmung und Vernichtung jüdischer Bücher und Schriften fortzusetzen. Also wiederholte er alle Anschuldigungen aus seinen früheren Traktaten. Insbesondere versuchte er, Reuchlins philologische Verteidigung jüdischer Gebete zu widerlegen. Er zitierte aus jüdischen Schriften, um den Christenhass und die Blasphemien der Juden zu belegen. Neu in dieser Schrift waren zwanzig Artikel gegen den Talmud, die dessen Vernichtung forderten. Der Handt Spiegel lässt auch erkennen, wie eng Pfefferkorn und die Theologen der Kölner Universität zusammenarbeiteten. Nicht nur, dass Pfefferkorn sein Pamphlet dem Kölner Professor Arnold van Tongern widmete, es enthielt auch die gleichen Argumente, die die Fakultät später gegen Reuchlin gebrauchte. Dort, wo Pfefferkorn das kanonische Recht gegen Reuchlin zitiert, erklärt er ausdrücklich, er verdanke alle diese Hinweise den Theologen.

Kurz darauf griffen der Inquisitor Jacob Hoogstraeten und die Universität zu Köln mit einer förmlichen Anklage wegen Ketzerei in den Streit ein. In dreiundvierzig Punkten, so der Vorwurf gegen Reuchlins Augenspiegel, begünstige dieser die Juden auf unerlaubte Weise. 1512 wurden diese Anklagepunkte von Arnold van Tongern in seinem Buch Articuli veröffentlicht. Reuchlin sollte nun mit einem Ketzerprozess endgültig diskreditiert werden. Während dieser Prozess durch die kirchlichen Instanzen getrieben wurde, sicherte sich die Kölner Fakultät die Unterstützung der Gelehrtenwelt, indem sie dafür sorgte, dass Reuchlins Augenspiegel auch von anderen theologischen Fakultäten verurteilt wurde, darunter vor allem Paris und Louvain.

Ab etwa 1513 erregte die Kontroverse die Gemüter in ganz Europa; teils weil sie die führenden Vertreter der neuen humanistischen Bibelphilologie betraf, teils weil die Vernichtung der europäischen Juden zu einem aktuellen Thema geworden war. Viele Institutionen und Kräfte versuchten, den Ausgang des Falls auf die eine oder andere Art zu beeinflussen – Kaiser Maximilian I., dessen Nachfolger Karl V., Papst Leo X., dessen Nachfolger Adrian VI., zwei französische Könige, Ludwig XII. und Franz I., diverse weltliche und geistliche Fürsten, an die fünfzig Städte des Heiligen Römischen Reichs, Universitätsfakultäten, Professoren und Gelehrte auf dem gesamten Kontinent und in England. Die Prozesse gegen Reuchlin und sein Gutachten zogen sich bis 1520 hin, als Papst Leo X. zu einem abschließenden Verdikt kam. Sie zeigen einige der empfindlichsten Bruchlinien im Geistesleben des damaligen Europa, aus denen sich, je weiter das Jahrhundert fortschritt, auch gewaltsame Auseinandersetzungen entwickelten. Zugleich aber bezeugen Reuchlins Schriften und die von ihnen ausgelöste Kettenreaktion, dass sich Christen das erste Mal in der europäischen Geschichte in akademischer Form dem Judentum und seiner Geschichte zuwandten.

Am Anfang waren Reuchlins Gegner nur von ihrem Willen getrieben, das Judentum zu vernichten. Bald jedoch kamen auch andere Bedenken zu Wort. Man fragte sich, wohin die neue wissenschaftliche Bewegung noch führen werde. Man fürchtete nicht nur eine größere Toleranz gegenüber den Juden, sondern auch, dass die akademische Theologie, wo nicht gar das Christentum selbst in seinen überkommenen Formen in Frage gestellt würde. Auf humanistischer Seite fanden die bahnbrechenden hebräischen Studien Reuchlins große Bewunderung. Reuchlins Haltung im Bücherstreit, in Verbindung mit den Idealen des Humanismus, insbesondere der neuen Bibelphilologie, verschaffte der Sache Reuchlins die Unterstützung der humanistischen Elite. Damit entstand nicht nur eine öffentliche Auseinandersetzung über die Frage, wie das Verhältnis der Christen zum Judentum zu denken wäre, sondern es entwickelte sich auch eine grundsätzliche Auseinandersetzung zwischen Scholastik und Humanismus. Aus beiden Elementen bezog die Reuchlin-Affäre ihre Brisanz.


4. Vgl. David H. Price, Johannes Reuchlin and the Campaign to Destroy Jewish Books (Oxford: Oxford University Press, 2011), 113-37.

5. Johannes Pfefferkorn, Abzotraiben und aus zuleschen eines vngegrunten laster buechleyn mit namen Augenspiegell . . . Dar gegen ich meyn vnschult allen menschen gruntlich tzu vernemen vnd tzu vercleren in desez gegenwyrdigen buechgelgyn genant Brantspiegell gethan hab (Cologne: Herman Gutschaiff, 1512), fol. A3r.