Johannes Reuchlin und der Streit um die jüdischen Bücher

Die Konfiskationen

Protocols of Meetings
Objekt IV.1, fol. 6r. Protokolle der Begegnungen zwischen dem Frankfurter Rat und der jüdischen Gemeinde der Stadt Frankfurt, 1509/10. Im Besitz des Instituts für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, Juden Akten 779.
zur Ausstellung

Am 19. August 1509 unterzeichnete Kaiser Maximilian I. in Padua das berüchtigte Mandat, das die Konfiskation jüdischer Bücher im ganzen Heiligen Römischen Reich autorisierte. Die jüdischen Schriften, so die Begründung des Mandats, enthielten häretische, blasphemische und verleumderische Aussagen. Sie würden die Juden "auch nit alain von vnserm cristen glauben abwenden sunder in ürem jüdischen glauben yrrung machen/ verfüren vnd zů ketzerey raitzen." ²

Im September versuchte Pfefferkorn, das Mandat in Frankfurt am Main, das eine der lebendigsten jüdischen Gemeinden im Reich besaß, umzusetzen. Ein Erfolg in Frankfurt, so hofften die antijüdischen Kräfte, werde eine nicht mehr aufzuhaltende Bewegung auslösen. Das erste Gefecht sollte den ganzen Feldzug entscheiden.

Doch es erwies sich zunächst als schwierig, gerade in Frankfurt eine solche Bewegung in Gang zu bringen. Am 25. September 1509 wurden die verhängten Maßnahmen in der Synagoge verkündet. Die jüdische Gemeinde und der Rat der Stadt Frankfurt taten jedoch, was sie konnten, um deren Durchführung zu verhindern oder zumindest zu verzögern. Am 28. September 1509 gelang es Pfefferkorn dennoch, alle Bücher der Synagogen-Bibliothek zu beschlagnahmen. Nur die Bibel verblieb der Gemeinde. Dass auch alle Bücher aus persönlichem Besitz konfisziert wurden, verhinderte Uriel von Gemmingen, der Erzbischof von Mainz, der mit seiner Intervention auf eine Bittschrift der Gemeinde reagierte.

Am Hof Kaiser Maximilians I., der damals wegen des venezianischen Kriegs in Norditalien weilte, kam es daraufhin zu einer Auseinandersetzung zwischen Jonathan Kostheim, einem führenden Mitglied der Frankfurter jüdischen Gemeinde, und Johannes Pfefferkorn. Trotz Kostheims entschlossenem Auftreten endete die Auseinandersetzung mit einem durchschlagenden Erfolg der antijüdischen Kampagne. Mit dem Mandat von Roveredo vom 10. November 1509 erneuerte Maximilian I. das Konfiskationsmandat, nur dass jetzt der Erzbischof von Mainz ermächtigt wurde, die Durchführung des Befehls zu überwachen.

Die antijüdischen Kräfte, jetzt von Pfefferkorn und dem Mainzer Theologieprofessor Hermann Ortlieb geführt, entschlossen sich, Frankfurt zunächst auszulassen und die Konfiskation in den Gemeinden entlang des Rheins fortzusetzen. Eiligst ließen sie ab Dezember 1509 in einigen größeren Gemeinden, zuerst in Worms (damals noch ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit), dann in Mainz, Bingen, Lorch, Lahnstein und Deutz alle jüdischen Bücher beschlagnahmen.

Obwohl Pfefferkorn und Ortlieb von weiteren Angriffen auf die Frankfurter Juden absahen, versuchten der Rat der Stadt und die jüdische Gemeinde weiterhin, die Rechtmäßigkeit des kaiserlichen Mandats anzufechten. Januar 1510 begann der Frankfurter Rat seinen Gesandten am Reichstag zu Augsburg aufzufordern, die jüdische Gemeinde in ihren Bemühungen um eine Aufhebung des Mandats zu unterstützen. Dies gipfelte darin, dass die Stadt am 16. März 1510 die Forderung an Kaiser Maximilian richtete, der Frankfurter Gemeinde die aus der Synagogenbibliothek konfiszierten Bücher zurückzugeben.

Auch Johannes Pfefferkorn reiste zum Reichstag nach Augsburg, wo er aktiv für die Konfiskationen warb. Mit einer aufhetzenden Streitschrift, In laudem et honorem illustrissimi Maximiliani dei gratia Romanorum imperatoris („Jn lob vnd eer dem Allerdurchleuchtigsten Großmechtigsten Fursten vnd heren hern Maximilian“), die er im Februar 1510 in Augsburg veröffentlichte, bekräftigte er seine Unterstützung für das Mandat von Roveredo.

Die Lage spitzte sich zu, als Pfefferkorn und Ortlieb Augsburg vorzeitig verließen und nach Frankfurt zurückkehrten, wo sie, ohne neuerlichen Auftrag und ohne die weitere Klärung des Streits durch Kaiser oder Reichsstände abzuwarten, das Mandat durchsetzen wollten. Am 22. März erschienen sie in der Stadt und bestanden auf ihrem Recht, mit den Konfiskationen fortzufahren. Mit Hinweis auf die bevorstehenden Osterfeiertage verlangte der Rat, die Auslieferung der Bücher auf den 10. April zu verschieben, und übersandte dem Kaiser um den 3. April eine umfängliche Petition. Deren Standpunkt war eindeutig: Die Anordnung der Konfiskation sei ungesetzlich, weil, so das Hauptargument, das römische Zivil- und das Kirchenrecht den Juden Eigentumsrechte garantierten, genauso wie die Freiheit, ihre Religion zu praktizieren.

Weil der Kaiser auf diese Bittschrift nicht reagierte, konnten Pfefferkorn und Ortlieb am 10. und 11. April 1510 mit ihrem Unternehmen fortfahren. Sie konfiszierten alle jüdischen Bücher in Frankfurt, ausgenommen wiederum die Bibel und die Bücher derjenigen Juden, die keine Einwohner der Stadt waren. Einem Verzeichnis vom 13. April zufolge wurden an die 1500 Bücher beschlagnahmt.

Die Frankfurter Juden gaben sich jedoch nicht geschlagen. Tatsächlich hob der Kaiser am 23. Mai 1510, in einer überraschenden Kehrtwende, das Konfiskationsmandat auf und ordnete die Rückerstattung aller jüdischen Bücher an. Hintergrund dieser Kehrtwende war die Bereitschaft jüdischer Gläubiger, einen Kredit, den sie Herzog Erich von Braunschweig, einem wichtigen militärischen Bündnispartner des Kaisers, gewährt hatten, neu zu verhandeln. Am 7. Juni 1510 erhielten die Frankfurter Juden ihre Bücher zurück, allerdings unter der Bedingung, dass diese Bücher in Frankfurt zu verbleiben hätten, bis der Kaiser eine endgültige Entscheidung getroffen habe.

Die Einigung war also nur vorläufig, die Konfiszierung nur vorübergehend aufgehoben. Am 6. Juli erließ der Kaiser das Mandat von Füssen, in dem er eine juristische und eine theologische Bewertung der Konfiszierungsverfügung anordnete. Dieser Schritt erfolgte sicher auch mit Blick auf die juristischen Bedenken, die der Frankfurter Rat vorgetragen hatte. Sobald eine entsprechende Bestätigung durch die juristischen und theologischen Gutachten vorlag, sollte die Beschlagnahmung der jüdischen Bücher fortgesetzt werden.

Dem Rat erschien diese Entwicklung so bedrohlich, dass er die jüdische Gemeinde wissen ließ, die Konfiszierungen würden wohl wieder aufgenommen.


2. Zitiert nach Johannes Pfefferkorn, Zu lob vnd Ere (Augsburg: Erhard Öglein, 1510), fol. A5v.